Die Geschichte Villingens

Villingen im Wandel der Zeit

Die naturräumlichen Gegebenheiten

Am nördlichen Rand der Wetterau, wo die Horloff die letzten Ausläufer des Vogelsberges verlässt und ins offene Land austritt, liegt das Dorf Villingen. Damit ist die naturräumliche Gliederung eigentlich schon knapp umschrieben. Das Dorf wird umrahmt von Hügeln und Wäldern in einer typisch organischen, schönen, oberhessischen Landschaft. In einem alten Erdkundebuch heißt es dazu: Villingen liegt am Fuße des Vogelsberges und am Rande der Wetterau. Dass der Ort im Südosten des Landkreises Giessen an einer alten überlieferten Straße liegt, die von Hungen nach Laubach führt, bleibt noch nachzutragen.

An der tiefsten Stelle, das ist an der Horloffbrücke, liegt Villingen 149 m über dem Meeresspiegel. Ganz im Südosten, fast an der Grenze, liegt die höchste Erhebung der Gemarkung, der Dreiherrenstein mit ca. 289 m über dem Meeresspiegel.

Dieser Dreiherrenstein ist aber in keiner amtlichen Karte verzeichnet, sondern diente nur als Grenzstein für den Staatswald (ehem. fürstlich Braunfelsischer Wald) den gräflich Solms-Laubacher und den Villingener Wald. Der nächsthöchste Berg, der in den topografischen Karten verzeichnet ist, ist die Hubbe mit 289 m. Sie liegt etwa 100m östlich vom Dreiherrnstein.

Villingen in der Vorgeschichte

Lange bevor das Dorf Villingen zum erstenmal urkundlich erwähnt wurde, fanden offenbar die Menschen der Vorzeit diese Gegend schon so attraktiv, dass sie sich hier aufhielten und zeitweise sogar siedelten. Hiervon berichten uns mehrere Funde. Das bisher älteste Artefakt ist ein sogenannter Kernstein aus Lydit, der erst in unseren Tagen aufgefunden wurde (Eppelnrod 2008). Er ist vielleicht älter als 10 000 Jahre und stammt vermutlich aus dem Mittelpaläolithikum (Mittelsteinzeit). Weiter fanden sich in und um Villingen mehrere Überbleibsel der Menschen aus dem Neolithikum (Jungsteinzeit 5500-2000 v.Chr.), es sind 2 Felsgesteinsbeile, mehrere Hammeräxte, Steinmesser und viele Scherben, von denen einige schon in den Kriegswirren des 2. Weltkrieges wieder verschollen sind. Weisen diese Überbleibsel in die Jungsteinzeit, so sind andere Funde aus der Gemarkung in die Hügelgräber- Bronze- und in die Eisenzeit zu stellen, also in eine Zeit von ca. 2000 - 450 vor Christi Geburt. Die Fundorte mehrerer Hügelgräber lagen am Langsdorfer Weg, im Schlaghaus und im Mühlberg. Eine weitere Fundstätte ist das Gräberfeld am Wallenberg.

Dort hat, laut unserer Chronik, der damalige Graf Wilhelm Moritz von Hungen um 1717 Ausgrabungen vornehmen lassen. Auch diese Funde wurden vermutlich in den Kriegswirren des zweiten Weltkrieges vernichtet. Die jüngste und umfangreichste Fundstelle der Vorgeschichte in Villingen stellt der Borgelberg dar, dort wurden in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals einzelne Funde gemacht, die der sogenannten Michelsberger -Kultur zuzuordnen sind (4300-3700 v. Chr.). Nun wurden durch verschiedene Begehungen des Heimatkundlichen Arbeitskreises Villingen und mit dem Landesamt für Denkmalpflege in Hessen im Jahr 2009 mehrere Hundert Scherben dieser Kultur aufgelesen, dazu noch andere Artefakte wie Webgewichte und Werkzeugreste aus Feuerstein. Das Gebiet, das diese Kultur ehemals umfasste, konnte auch um ein vielfaches erweitert werden, so reicht es nun von dem Gemeindegebiet in Ruppertsburg über die Äcker rund um den Borgelberg fast bis zum Friedhof. Außerdem wurden in diesem Zusammenhang dort auch einzelne Funde gemacht, die der Schnurkeramischen Kultur (um 2000 v. Chr.) zuzuordnen sind und solche, die in die Eisenzeit gehören (vom Übergang von der älteren Eisenzeit = Hallstatt-Zeit zur jüngeren Eisenzeit = Latene –Zeit, um 500 v. Chr.). Sind die älteren Funde schon in den bisher erschienenen Villingener Heften beschrieben worden, so werden die Befunde vom Borgelberg demnächst in einer ausführlichen Publikation des HAKs behandelt.

 

Villingen tritt ins Licht der geschriebenen Geschichte ein

 

Die erste urkundliche Erwähnung von Villingen datiert aus dem Jahre 1343[1], die nächste Urkunde von 1353 nennt einen Konrad von Vildeln, hier heißt es[2]: Ich conrad von Vildeln con per here zu Rospach bekennen, das ich entnummen und bestanden han vmme das Closter zu Arnspurg zu lantsydelme rechte, eyn hus in der stad zu Frydeberg gelegen, da gele von Linden inne sas, und das cleyne hus an dem selben gelegen vmme IV phunt heller Geldes“, das heißt etwa:

„Ich Konrad von Vildeln Mit- Pfarrherr zu Rosbach bekenne dass ich entnommen und bestimmt habe,[3] dem Kloster Arnsburg zu Landsiedelrecht ein Haus in der Stadt Friedberg gelegen, wo bisher Gele von Linden darinnen saß und das kleine Haus an dem selben gelegen für die Summe von 4 Pfund Heller Geld“.

Es gibt verschiedene Anzeichen dafür, dass der Ort viel älter ist als diese erste urkundliche Erwähnung. Die einleuchtende Erklärung ist die Baugeschichte der Kirche. Die Kirche in Villingen wurde nach ihren markanten Stilmerkmalen bereits vor oder um 1300 errichtet.

Wir wissen, dass in aller Regel in einem Dorf erst dann eine so große Kirche errichtet werden konnte, wenn dieses Dorf eine bestimmte Größe hatte, und dazu bedurfte es im 12-14 Jh. gut hundert oder auch mehr Jahre, wie uns aus anderen vergleichbaren Beispielen sicher überliefert ist. Auch war das Errichten einer Kirche von der Einwilligung des Standesherrn und des damaligen Bistums abhängig. Wir können heute noch feststellen, dass die Kirche in Villingen auch nicht nur für untergeordnete Gottesdienste, als sogenannte Kuratkapelle, errichtet wurde, sondern dass hier in vorreformatorischer Zeit „Heilige Messen“ gefeiert wurden. Das beweisen die Reste einer sogenannten Piscina, die heute im ehemaligen Chorraum der Kirche noch sichtbar sind.

Im Jahr 1355 bestätigt Philipp von Falkenstein das „Wittum“ seiner Schwester Agnes mit Gütern u.a. in Villingen, die vom Kloster Hersfeld zu Lehen gehen.[4]

Im sogenannten „Roten Buch“ von 1436-1449 wird Villingen mit Hungen, Langsdorf, Nonnenroth, Zelle und Meßfelden rechtlich gleich gestellt. Daraus ergibt sich seine Zugehörigkeit zur sogenannten Hersfelder Mark, die 1403 von den Falkensteiner Herren käuflich als freies Eigentum erworben wurde und so nach deren Aussterben bei der Solmser Teilung an die Bernhard Linie, die Linie Solms-Braunfels, kommt.

Die Stilgeschichte der Kirche, die Ungereimtheiten mit der Messfelder Pfarrei und die Erwähnungen im „Roten Buch“ zeigen auf, dass Villingen sicher älter ist als die Erwähnung von 1343 bzw. 1353.

Die Schreibweise für den Ort ist im Laufe der Jahrhunderte recht verschieden bspw. Wilden 1343 oder wie bspw. in der Arnsburger Urkunde von 1353 als Vilden, 1374 als Fildel, 1386 als Villiln.

Laut den Gemeinderechnungen wurde bis 1725 überwiegend der Ortsname Vilden verwandt. Ab 1728 taucht in diesen Rechnungen erstmals der Name Villingen auf.[5] Laut dem Staatsarchiv in Darmstadt wird der Name Villingen zum ersten Mal im Jahre 1812 urkundlich erwähnt, diese Annahme ist dadurch überholt.

Die Annahme, dass Villingen 782 urkundlich erstmals erwähnt wurde, konnte bisher leider nicht bewiesen werden. Deshalb konnte auch bisher die geplante 1200 Jahr Feier 1982 nicht begangen werden. Karl der Große schenkte Anno 782 dem Kloster Hersfeld Hoingen (Hungen) und seine Umgebung. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche dieser Schenkung wird mit 40 Hufen angegeben. Eine Hufe war ca. 40 Morgen groß. Diese 40 Hufen wurden von 28 Mansen aus bewirtschaftet. Mansen waren in der Regel Höfe, von denen aus die Felder bewirtschaftet wurden. Wir nehmen heute an, dass ggf. aus einem dieser erwähnten Höfe Villingen entstanden ist. Denn die Deutung des Namens Fildeln, Vilden bedeutet soviel wie Feldchen (kleines Feld), dies könnte diese Annahme bestätigen. Später wurden in Villingen mehrere Lehen bzw. Lehenshöfe urkundlich erwähnt, so: das fischbornische Lehen, das Seyfrits-Lehen, dieses Lehen wurde 1545 an den Schultheiß Otto Münch übertragen[6], erst im Jahre 1861 wurde der „Fürst Braunfelsische Hof“ abgerissen. Eine Mitteilung in der sogenannten „Villingener Chronica 1606, auf die wir weiter unten noch zurückkommen, sorgte in der Vergangenheit schon für viele Irritationen, hier heißt es u.a.[7]: „Anno 823 da haben drei vornehme Geschwister hier herum die Herrschaft gehabt als mit Namen: Filomuot, die älteste / Helburg, die zweite / Aldigard, die dritte ...“ weiter heißt es dort, dass Villingen unter deren Nachkommen an Hersfeld gekommen sei und „... die Hersfelder Mark geheißen“ habe. Aus diesen Unterlagen wurde in wissenschaftlich unzulässiger Weise geschlossen, dass Villingen in der Urkunde (782), die oben bei Hungen erwähnt wurde, einzubeziehen sei. Alle Anfragen an die staatlichen und u.a. braunfelsischen Archive bezüglich der genannten Personen blieben aber negativ.

Wüstungen um Villingen

In der Nähe der heutigen Gemeinde Villingen hat es früher noch mehrere bewohnte Dörfer und Weiler gegeben, die zur Wüstung wurden. Eines davon ist Eppelnrod (Apfelrod). Die erste urkundliche Erwähnung dieses Ortes stammt bereits aus dem Jahre 1251. Der Ort wurde erwähnt, als der Ritter Ludwig von Vadenrod einen Acker bei „Eppelinrode“ an das Kloster Wirberg bei Grünberg abtritt. Die Urkunde ist uns in Regesten des Klosterarchivs von Wirberg überliefert, sie lautet: (Urkunde Nr. 972)[8] hier heißt es:

„1251, Ritter Ludwig genannt von Vadenrod[9] überträgt nach dem Tod seiner Ehefrau mit Zustimmung seiner Kinder der Kirche St. Marien zu Wirberg[10] einen Acker bei Eppelrode[11] genannt Ekewin. Dafür übergibt ihm und seinen Kindern der Konvent der genannten Kirche Güter in Hole[12].

- Zeugen: Kraft von Ofleiden[13], sein Bruder Johannes, Schultheiß[14], Mengot, Mengot Knibo[15] und sein Bruder Giso, Ritter; Heinrich von Sassen und Siebert, Guntram, Peter und Arnold von Gemünden, Schöffen (zu Grünberg). - (Siegler: der Konvent des Klosters Wirberg und die Stadt Grünberg, Anno domini 1251.

Pfarrer Emil Sellheim schreibt im Jahre 1858 in der von ihm begründeten Ortschronik: „In Apfelrod war noch ein gemauerter Brunnen und es haben Apfelbäume dort gestanden. Irgendwann wurde das Dorf verlassen und man nimmt an, dass die Bewohner nach Villingen gezogen sind“.

Ein weiteres früheres Dorf war Celle, es lag da, wo noch die heutige Zellmühle steht, es ist damit zur Teilwüstung geworden, da die Zellmühle als Rest des einstigen Dorfes gelten kann. Die erste urkundliche Erwähnung von Celle datiert aus dem Jahre 1290. In den Anfängen befand sich dort eine Waldschmiede, die 1461 in eine so genannte „Mahlmühle“ umgewandelt wurde. Alles über das Dorf Celle und die heutige Mühle zu berichten hat schon mehrere Kapitel beansprucht, diese sind bereits in den Villingener Heften erschienen.

Der Chronist unserer Dorfchronik berichtet außerdem, dass: „... Anno 823 die Dörfer Äppelrod, Zell, Engelhausen und Hupach noch gestanden haben“. Wissenschaftlich bewiesen ist diese Aussage allerdings (noch) nicht.[16]

Als eine Ausnahme muss man den Ort Meßfelden betrachten. Denn Meßfelden liegt in der Gemarkung Hungen (an der Bahnstrecke nach Langsdorf) und es bestanden früher offenbar enge Beziehungen zu dem Dorf Villingen. Weil die Villingener wahrscheinlich dort ihre Toten bestatteten und ihre Kirchenstände hatten, bevor sie eine eigene Kirche hatten bzw. selbständige Pfarrei wurden. Die erste urkundliche Erwähnung ist 1281 als Marzvelth. Es wird aber angenommen, dass auch dieser Ort wesentlich älter ist. Die älteren Einwohner Villingens kennen heute noch den Totenweg (Langsdorfer Weg), auf dem die Einwohner Villingens ihre Toten zum Friedhof nach Messfelden trugen. Ab dem 15. Jahrhundert entvölkerte Messfelden. Die Gebäude verfielen, die Bewohner verzogen und es entstand auch hier eine so genannte Teilwüstung.

Eine weitere Flurbezeichnung, die auf eine Rodung hinweist, ist Jungfrauenrod. Im Villingener Dialekt ausgesprochen: „Ruffeleroad“. Hier kann man aber von einer reinen Rodung ausgehen, da bis heute dort noch keine Spuren von einer früheren Besiedelung gefunden wurden.

Anders verhält es sich mit Gersrod oder Hirschrod. Es liegt zwar außerhalb der heutigen Gemarkungsgrenze (im Laubacher Wald) aber hier weiß man aus Urkunden und archäologischen Funden, dass dieses Gebiet besiedelt war. Hierzu heißt es:

„Gersrode konnte im ehemaligen Laubacher Walddistrikt III nach dem Flurnamen „Hirschrod“ lokalisiert werden[17]. Die Wüstung befindet sich rund 30- 40m nördlich des kleinen Baches auf einer leicht nach Süden abfallenden Waldwiese[18] südlich von Laubach im Wald. Hier sind deutlich anthropogene Veränderungen des Mikroreliefs erkennbar, die Terrassierungen werden Gebäudestandorten zuzuordnen sein. Funde verziegelten Lehms unterstützen diese Vermutung.“

„Es sind nur wenige Nachrichten zu Gersrode anzuführen. Der Ort gehört 1341 zur Herrschaft- Laubach[19]. Als Zubehör zur Herrschaft Laubach hält Graf Johann v. Solms 1432 u. a. die als Wüstung bezeichneten Orte Winden und Gersrode[20].

„Die älteste zu datierende Keramik gehört dem 9. oder dem Ende des 8. Jahrhunderts an. Allerdings sind auf der Waldwiese und im angrenzenden Bach nur wenige Fragmente geborgen worden[21], eine gesicherte Anfangsdatierung ist deshalb nicht möglich.“

„Mit den zur Verfügung stehenden Mitteln ist Gersrode deshalb nur unsicher in das neunte Jahrhundert zu datieren.

Dass allerdings im neunten Jahrhundert im Untersuchungsgebiet -rode Orte existieren, weisen auch die Siedlungen Eppelrode[22] und Konradsrode[23] nach. Von beiden Siedlungsplätzen ist ebenfalls karolingerzeitliches Material bekannt. Bemerkenswert ist hier vor allem das „Mayener“ Randfragment aus Eppelrode. Es ist demnach sehr wahrscheinlich, dass der Ort im 9. Jahrhundert aufgesiedelt und im 14. Jahrhundert wüst gefallen ist.“

Eine weitere gesicherte Wüstung im Raume Villingen ist Winden. Im Jahr 1982 wurden archäologische Funde gemacht, die die Lage der Wüstung Winden (in Urkunden auch Wynden geschrieben) verifizieren können.

Bei Georg Wilhelm Justin Wagner in: Die Wüstungen im Großherzogtum Hessen von 1854 hören wir, dass es offenbar mehrere Wüstungen dieses Namens gegeben haben könnte.

Zu unserem Winden weiß er zu berichten:

„... Etwa dreiviertel Stunden von Ruppertsburg, und zwar nach Ulfa zu, lag der ausgegangene Ort Wynden. Diese Richtung und Entfernung treffen auf eine Gegend, die zur Waldgemarkung gehört, welche östlich, nördlich und westlich von den Gemarkungen von Gonterskirchen, Ruppertsburg und Villingen, so wie südlich von denen von Stornfels, Ulfa und Langd begrenzt wird. Diese Waldgemarkung, die in festen Grenzen besteht, war – dieß leidet kein Zweifel – einst eine Dorfgemarkung, die nachdem das Dorf ausgegangen, in Wald verwandelt worden, wie dies bei Oberseen, Baumkirchen, Kreuzseen, Steinbach, Hartmannshausen und Ruthartshausen auch geschehen ist. Der Ort selbst möchte am wahrscheinlichsten auf dem Weg von Ruppertsburg nach Ulfa, zwischen dem großen und kleinen Steinbügel, wo dieser Weg von einem von Villingen kommenden durchkreuzt wird, gelegen haben. Winden kommt in einer Urkunde vom Jahr 1340 vor, die bereits bei Baumkirchen aufgeführt ist. Im Jahr 1432 geben Kulhenne, Schöffe des Gerichtes zu Hungen, Henchin Lower, Contze Keyser, Hermann von Wynden und Heyntze Snere, alle Bürger daselbst, Kundschaft, dass der Wald Lyndenauwe bei Wytershausen dem Kloster Arnsburg ganz eigen sei, „is enwere da sache, daz etliche eckere daran stißen die zu walde oder struchen worden weren, der Inne reden nicht“.

„Einzelheiten der Urkunde selbst lassen erkennen, dass der genannte Herrmann von Wynden nicht aus einem entfernt liegenden Winden kommt, sondern aus dem obigen abgestammt, und dass dieses Winden damals (1432) noch bestanden haben möchte“. Soweit Wagner 1854.

 

Kommen wir nun zu den Funden von Winden:

Aus einem Bachbett eines sehr kleinen Baches und vereinzelt von der angrenzenden Waldwiese wurden hoch- und spätmittelalterliche Scherben und etwas Hüttenlehm aufgelesen, mit abnehmender Tendenz. (TK 5419, Laubach 98400 / 95800-900).[24]

Auch bei dieser Fundstelle wurden wieder aus dem Bachbett einzelne nicht näher bestimmbare prähistorische Scherben geborgen.

Da diese prähistorischen Funde auch von der Wüstungsstellen Gersrode und Eppelnrode vorliegen, kann angenommen werden, dass hier entweder eine große und langandauernde Siedlungskontinuität herrschte, oder der Ort wegen seiner besonderen Bedeutung immer wieder Menschen bewogen hat sich hier aufzuhalten oder zu siedeln. Das Dorf Winden, in dem ggf. Gersrode aufgegangen ist, muss schon bedeutend gewesen sein, denn 1238 wird dazu ein Plebanus erwähnt. Es soll hier auch eine Kirche bestanden haben die unter dem Patrozinium von Maria gestanden hat, Patronatsherr war der Landgraf von Hessen.[25]

Die Kirche von Villingen

Die Kirche, die in ihren ältesten Bauteilen um oder vor 1300 erbaut worden ist, bildete früher den eigentlichen Mittelpunkt des alten Dorfes. So ist die Kirche heute auch noch das bedeutendste Baudenkmal in Villingen.

Deutlich zu sehen ist aus den Ortsbebauungsplänen von 1854, wie sich die Häuser regelrecht um die Kirche scharen. Dass die Kirche geografisch der Mittelpunkt ist, trifft heute nicht mehr zu, da sich das Dorf stark in nördlicher und westlicher Richtung ausgedehnt hat. Doch für Christen wird sie nach wie vor ein Mittelpunkt bleiben.

Die Villingener Kirche ist eine sehr alte Kirche, das sieht man besonders an den frühgotischen Chorfenstern des östlich angebauten Bauteils und an einigen Elementen des Turmes. Sie besteht aus mehreren unterschiedlichen zeitlichen Bauphasen. Der Turm und der Chorraum sind nach den stilistischen Merkmalen schon um oder vor 1300 entstanden. Das erkennen wir im Vergleich mit anderen zeitgenössischen Kirchen. Das heutige Langhaus der Kirche ist dagegen in weiten Teilen neueren Datums. Es wurde 1696/97 neu errichtet, weil das alte Langhaus angeblich durch einen Brand zerstört wurde, bewiesen ist dies allerdings nicht. Zu erkennen ist aber, dass das Langhaus in Fachwerkbauweise erhöht wurde, um die inneren Emporen einbauen zu können. 1785 wurde an der Westseite ein Anbau vorgenommen, wie noch heute die Jahreszahl über dem Eingang kündet, dieser Anbau beinhaltet ab dem Zeitpunkt den Kircheneingang und den Aufgang zu den Emporen. Wir finden auch frühe Hinweise auf eine Turmuhr in der Kirche. Laut Rechnung aus dem Gemeindearchiv wurde 1561 die Kirchturmuhr „neu“ gemacht, die Formulierung könnte bedeuten, dass es vorher schon eine Uhr dort gab. In unserer Dorfchronik tauchen noch zwei Hinweise auf die Kirchturmuhr auf. Im Jahr 1569 hat der Dorfknecht die Uhr gestellt und 1719 ist die Uhr in der Kirche wiederum neu gemacht worden.

Was wäre eine Kirche ohne ihre Glocken. Die älteste Glocke in Villingen, die „Margareta-Glocke“ stammt aus dem Jahre 1505, sie hat eine Inschrift, die lautet „margareta-bin-ich-genant-denn- vngeweder-dyn-ich-wederstant-anno-dm-rvcv-iar“ das heißt: „Margareta bin ich genannt, dem Unwetter tue ich widerstehen, im Jahre des Herrn 1505“.

Die zweitälteste Glocke stammt aus dem Jahre 1513, ihre Inschrift lautet: „AVE MARIA GRACIA PLENA DNS TECUM MEISTER HANS ZU FRANKFORT GOS MICH XV C XIII R“. Die letzte Zahl bedeutet: 15/100/13.

Die sogenannte kleine Glocke hat wechselvolle Zeiten durchlebt. 1697 wurde die „erste Ausgabe“ gegossen. An ihre Stelle kam 1829 eine „neue kleine Glocke“. Diese zersprang im Jahre 1860 und wurde 1861 umgegossen. Bei den Dorfbewohnern war sie als die Schulglocke bekannt. Ihr Ende kam mit dem 1. Weltkrieg. Sie wurde 1917 zwangsweise eingeschmolzen. 1921, nach dem Kriege, wurde dafür wieder eine neue kleine Glocke angeschafft. Diese traf das gleiche Schicksal wie ihre Vorgängerin, der 2. Weltkrieg bedeutete ihr Ende. An ihrer Stelle trat 1949 die „heutige kleine Glocke“, sie heißt auch die so genannte „Friedensglocke“. Ihre Inschrift lautet: „Verleih uns Frieden gnädiglich Herrgott zu allen (unseren) Zeiten“. Möge diese Inschrift zutreffen.

Wir haben weiter oben schon gehört, dass die Bewohner von Villingen ganz früher ihre Toten in Messfelden bestatteten, bis zum Jahre 1826 bestattete man dann die Toten auf dem Kirchhof, der um die Kirche lag. Durch allerhöchste Verordnung wurde dieses nicht mehr erlaubt, und ab 1827 wurde der heutige Friedhof unter dem Borgelberg angelegt.

Eine Entdeckung, die von historischem Interesse ist, wurde im Gemeindearchiv gemacht. Es sind so genannte Pergamentreste aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Sie beinhalten Gesänge, Psalmen und Gebete in lateinischer und hebräischer Sprache. Ihr Zustand ist leider nicht mehr der Beste und sie bestehen nur noch aus einzelnen Fragmenten.

Die Reformation begann 1555 - 1560 unter dem Solms - Braunfelsschen Grafen Philipp. Wann sie genau in Villingen eingeführt wurde, ist leider nicht bekannt, und es stehen einige widersprüchliche Angaben dazu in den alten Unterlagen. Ein Zeugnis von dieser unruhigen Zeit findet sich im ehemaligen Chorraum der Kirche bis heute, das Türchen der ehemaligen Sakramentsnische trägt die Jahreszahl 1550 und den Namen des herrschaftlichen Schultheiß, wir nehmen an, dass er damals im Auftrag seines Landesherren die Kirchenschätze hier vorläufig sicherstellte. Graf Conrad führte aber im Jahre 1581 das reformierte Bekenntnis ein. Sein geistlicher Helfer war wahrscheinlich der Heidelberger Theologe Dr. Olevianus. Der erste evangelische Pfarrer, so nimmt man an, war ein Valentin Rabe aus Fulda.

Unbedingt erwähnenswert ist der wunderschöne barocke Altar von 1785, hergestellt aus grau-weiß-gelblich geädertem Lahnmarmor aus Oberbiel, die umlaufend profilierte Mensa steht auf einem geschweiften Fuß (Stipes), der Altar wurde als Ersatz für den hölzernen „Opfertisch“ angeschafft, der bis dahin den früheren, vorreformatorischen Altar ersetzen musste[26].

Nach den Erkenntnissen des HAKs wurde der Kirche in Villingen um 1702 vom Grafen zu Solms-Braunfels eine erste Orgel mit hölzernen Pfeifen geschenkt. Obwohl diese Orgel gepflegt und auch repariert wurde, war sie irgendwann wohl nicht mehr zu gebrauchen, im Jahr 1740 wurde eine neue Orgel der Orgelbauerfamilie Dreuth aus Griedel angeschafft. Die heutige Orgel wurde am 29.Oktober 1905 eingeweiht. Hergestellt wurde diese Orgel von der Firma Förster und Nicolaus aus Lich. Der Prospekt der vorherigen Orgel wurde beibehalten. Die Kosten für diese Orgel betrugen gemäß Rechnung 4300,- Mark.

Aus der Chronica 1606 von Villingen

 

Villingen beherbergt im Gemeindearchiv einen besonderen Schatz, ein kleines Büchlein, in dem ein früherer Bewohner, wahrscheinlich ein Bürgermeister Conradt Zimmer, in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Vorkommnisse verzeichnet hat, die er aus eigener Anschauung oder aus der (mündlichen) Überlieferung kannte, er beginnt im wesentlichen mit dem Jahr 1606, greift aber auch weiter zurück[27]. So berichtet er u.a. auch von Notzeiten in seinem Heimatdorf Villingen. Einige seiner Aufzeichnungen führten in der Vergangenheit auch schon zu Irritationen wie wir weiter oben schon erwähnten.

Von der Notzeit im 30 jährigen Krieg berichten aber gleich mehrere Eintragungen in unserer Chronik und Einzelunterlagen des Archives.

1602 wurde eine Unterpforte gebaut, heißt es, diese befand sich am Ausgang der Langgasse in der Nähe der Horloff. Im Jahr 1620 wurde die Oberpforte erbaut, diese befand sich am Anfang der Langgasse, in der Nähe der heutigen Linde. Diese beiden Pforten sollten allabendlich abgeschlossen werden, lesen wir im Gemeindearchiv, um sich vor nächtlichen Plünderern zu schützen. [28]

Im gleichen Jahr hatte die Gemeinde 1000 Gulden Kriegsschatzung auf einmal zu zahlen. Vom Jahre 1628 sagte der Chronist: „Da musste der arme Mann viel ausstehen“. ,,1626 - 1628 konnte wegen der Pestilenz, die in der Gegend wütete, kein Gericht gehalten werden. „Anno 1639 - 1644[29] ist dieser Ort unbewohnt geblieben wegen des großen Krieges und dem Überhandnehmen der Pestilenz ...“, so dass das Dorf fast ganz ausgestorben ist und die letzten 16 Bewohner nach Hoingen (Hungen) gezogen sind. Die Äcker lagen wüst und die Gebäude sind verdorben.

1644 kehrten 16 Mann (Familien) zurück, im gleichen Jahr schlugen die Schweden auf der Weiherwiese, am Dorfeingang, wo sich jetzt der Sportplatz befindet, ihr Lager auf. Sie verlangten von den kaum wieder Heimgekehrten Heu, Hafer, Stroh, und Holz. Es gab auch danach immer wieder Notzeiten, besonders auch durch die häufigen Kriege im 18. Jahrhundert bis zu den napoleonischen Kriegen[30]. 1846 - 1847 erreichte die Not in unserer Gegend ihren Höhepunkt. Schon 5 - 6 Jahre vorher trat die Kartoffelfäule auf und vernichtete somit den Großteil der Ernte. Infolge der Missernte kam es zu Teuerungen, so dass nur noch die wenigsten Familien die wichtigsten Nahrungsmittel und das erforderliche Saatgut kaufen konnten. So setzt sich die interessante Berichterstattung fort, von der wir hier nur einen kleinen Teil erwähnt haben.

Politische Entwicklung

Die ältesten Nachweise erhalten wir durch eine Schenkung Karls des Großen an das Kloster Hersfeld, da aber das Kloster weit entfernt lag, ließ es die Verwaltung durch Vögte ausüben. Es waren zunächst die Herrn von Münzenberg. Diese starben im Jahre 1255 aus, und an ihre Stelle traten in unserer Gegend die Falkensteiner. Nach dem Tode des letzten Falkensteiners 1418 kam das Gebiet teilweise an die Solmser Grafen und bei innersolmsischen Teilung an die sogenannte Bernhard Linie, der späteren Linie Solms - Braunfels. Diese hatten in Hungen ihr Schloss, ein Amt, schon vor den Falkensteinern und eine zeitweise selbständige regierende Seitenlinie (1602 - 1682). Durch Verkündung der so genannten Rheinbundakte (unter Napoleon) am 12. Juli 1806 verloren die standesherrschaftlichen Gebiete der Solmser ihre Selbstständigkeit und sie kamen an das Großherzogtum Hessen - Darmstadt. Nach dem 1. Weltkrieg wurde das Gebiet in den Volksstaat Hessen und seit dem Ende des 2. Weltkrieges in das Bundesland Hessen einbezogen.

Villingen vor der Eingliederung in das Großherzogtum Hessen

Der älteste durch Palisaden und Haingraben befestigte Dorfkern[31] dürfte aus der Langgasse, der Kirchgasse und der Mittelgasse bestanden haben. Ob die Pfarrgasse und Lipsengasse schon zu dem ursprünglichen befestigten Dorfkern gehört haben, ist nicht mehr festzustellen. Das alte Rathaus in der Langgasse wurde 1787 mit viel "nutzlosem Gezänk" der Einwohner gebaut, so heißt es in den Unterlagen im Gemeindearchiv. Hier war die Gemeindeverwaltung bis zum 15. Januar 1964 untergebracht, außerdem diente es der Gemeinde auf lange Zeit als Schule. 1966 wurde es wegen Baufälligkeit abgerissen.

Wo sich die Straßen von Hungen, Nonnenroth und Langd im Dorf treffen, steht die 119 Jahre alte Dorflinde. Diese Linde trat 1891 an die Stelle der abgängig gewordenen dreistöckig geschnittenen Tanz-Linde. In der mittleren Etage der alten Linde saßen früher die Musikanten, wenn sie zur Kirmes aufspielten. Unter der Linde war der Tanzboden. Unter der heutigen Linde wurden noch bis zum Jahre 1950 viele Kirchweihfeste des Dorfes gefeiert. Es ist anzunehmen, dass diese Linde auch den Gerichtsplatz des früheren Obergerichtes Villingen darstellt, dessen Zuständigkeit galt für die Dörfer Nonnenroth, Röthges, Nieder-Bessingen und Villingen[32].

Das Obergericht Villingen

Hierzu beginnen die archivarischen Überlieferungen im Jahre 1542 mit folgender Einleitung „Sonsten heißt es das Obergericht Vilden, dazu Nonnenroth, Röthges und Nieder- Bessingen gehören. Allhier ist der Gerichtsschultheis mit 4 Schöffen, zu Nonnenroth drei Schöffen, zu Röthges zwei Schöffen und auch zu Nieder - Bessingen. In Villingen wird auch der Gerichtsdiener gehalten und liegen die Gerichtsbücher und die Protokolle auch hier im Gerichtskasten wo zwei Schöffen von Villingen die Schlüssel haben. Der Gerichtsschultheis hat das Gerichtssiegel“. Das Gericht wurde wechselweise in Vilden und Nonnenroth, zwischen 1603 und 1740 auch viermal in Röthges und zweimal in Niederbessingen gehalten. Nach 1740 wurden die Gerichtsverhandlungen nur noch in Villingen und Nonnenroth gehalten.[33]

Der Löwe im Wappen der Gemeinde ist aus dem Solmsischen Wappen, bzw. dem Siegel des alten Gerichts entnommen worden. Das alte Gerichtswappen ist auf weiteren historischen Schriften, die mit Villingen im Zusammenhang stehen, zu sehen. Das letzte vorliegende Gerichtsbuch ist aus den Jahren 1817 -1833.

Richtlinien für die damals tätigen Gerichtsschultheißen

In der Einleitung zum Gerichtsbuch ab 1603 heißt es: „Für schlechte Scheltworte von Männer und Frauen, Lügen strafen, Küssen und Laster an wüsten Orten, wollen wir verboten haben, uns mit einem Gulden verfallen und dem Gericht mit 3 Kreuzer so oft das auch geschieh.

Item da aber einer einen anderen Uffsetzlich (vorsätzlich) einen Dieb, Mörder, Schelm, Bösewicht, oder Zauberer und dergleichen schilt, welches der Verletzte an seiner Ehre, Leib und Leben schädlich sein möchte, dass soll er seinem Hochlöblichen Herrn mit dem höchsten verbüßen.“[34]

An dieser Stelle wollen wir einen einzelnen Beitrag aus dem Gerichtsbuch des Obergerichtes Villingen bringen[35]:

Es ging um die Störung der Nachmittags-Christenlehre in Villingen durch betrunkene Jugendliche aus Ruppertsburg.

Ongebot Gericht gehalten

Mittwochens den 19ten

Jan: Ao p 1603

 

Georg Schütz, Henrich Dieppell, Et[36] Adam Zimmer

bringen rügWeiß vor, Alß der Pfarher

Ehren Johan Zaunschlieffer Sontags post[37] Epipha-

niae in der Mittags Predig Kinder lehr

45      gehalten, Und alß er melter[38] Pfarher eben

die Frag gethan, Ob man auch die Junge

Kinder sole tauffen? Waren fünff Jungen

von Ruppersburg, so vom biere halber

Vol geweßen, in der Kirchthür stehendt, ge-

50      sagt, Nein Man solt die Kinder baden

Undt sonsten allerhandt Viele hönische Undt

Spöttische Wort, Vor der Kirchen gehalten

Undt getrieben p.

                Erkent das Gericht.

55      daß gemeltt Jungen solches u. g. h. n.

Verbüßen sollen, Undt dem gericht mit

seiner gerechtigkeitt.

Der Markustag, ein Villingener Feiertag

Der Markustag am 25.4. ist seit 1587 für alle Villingener ein Feiertag und dient der Erinnerung an viele große Brände im Ort, die jahrelang immer wieder an diesem Tage ausgebrochen waren. Einige Jahre verging der Tag ohne neue Feuerbrünste. Dann brannte es wieder. Danach hat sich die Gemeinde gelobet, den Tag zu feiern und alle zu strafen, wer solches nicht mithielt und zu Hause blieb. Anno 1587 hat es zum letzten Mal am Markustag gebrannt. Später wurde aus dem Feiertag ein Sündentag, wie es in der Chronik steht. Hier heißt es weiter: „Die Bewohner gingen zunächst die Gemarkungsgrenze ab, um sich dann voll Bier und Branntwein zu saufen. Etliche haben den ganzen Tag gekegelt und so den Tag auf heidnische Weise zugebracht, bis Gott die Menschen strafte an einem Jüngling, Ludwig Hagemeister, der die Ziegen der Gemeinde am Borgelberg hütete und sich am Markustag so verbrannte, dass er starb“.

Der Pfarrer hielt der Gemeinde vor, dass dies ein Warnungszeichen für sie sei. Seit 1704 wurde dann eine Betstunde an diesem Tag gehalten und die „heidnische“ Feier abgeschafft. 1737 verwandelte der Pfarrer Winter den Markustag in einen richtigen Feiertag mit Gottesdienst in der Kirche, der auch ca. 250 Jahre gehalten wurde. Seit etlichen Jahren wird am Markustag kein Gottesdienst mehr gehalten. Im Jahre 2004 wurde dieser Brauch wieder neu belebt. Man machte eine Grenzbegehung mit abschließendem Feldgottesdienst.[39]

 

Aus der jüngsten Geschichte und Dorfentwicklung

 

Schon seit dem Jahre 1907 hat Villingen eine eigene Wasserleitung, vorher gab die Wasserversorgung oft Anlass zur Klage[40]. In den Jahren 1912 - 1914 wurden die elektrischen Lichtleitungen gelegt und Villingen wurde an das Stromnetz angeschlossen.

1890 war die Eröffnung der Nebenbahn Hungen - Villingen. Sie wurde dann im Laufe der Zeit über Wetterfeld, Laubach bis nach Mücke ausgebaut. Wegen Unrentabilität wurde der Personenverkehr am 1 Juni 1959 eingestellt. Als Ersatz verkehrten nun Bahnbusse. Einige Jahre später kam auch der Güterverkehr zum Erliegen.[41]

Bei Ausbruch des 1. Weltkrieges hatte Villingen schon über 900 Einwohner. Mit Kanalarbeiten wurde im Jahre 1935 begonnen und in den einzelnen Straßen vor dem 2. Weltkrieg fertig gestellt. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre waren auch für die Villingener Bevölkerung sehr hart. Der II. Weltkrieg brachte auch großes Leid über das Dorf, 101 Tote und vermisste Soldaten und Zivilisten hatte man am Ende zu beklagen.[42] Rund 350 Heimatvertriebene mussten nach Kriegsende in Villingen untergebracht werden, die Ausgewiesenen benötigten Wohnungen, Essen und Arbeit. Nach anfänglich großen Schwierigkeiten lebten sich auch diese Neubewohner in Villingen ein, für einen großen Teil wurde das Dorf zur zweiten Heimat.

Nach der Währungsreform am 20.06.1948 begann auch in Villingen der Aufschwung. von 1950 bis 1962 wurden alle Ortsstraßen kanalisiert, neu ausgebaut und mit einer Teerdecke versehen. Die Gemeinde baute mehrere Wohnhäuser um die Wohnungsnot zu lindern. Im Herbst 1962 begann man mit dem Bau eines Bürgerhauses, mit Gemeindeverwaltung, Mehrzweckhalle, Kindergarten und anderen sozialen Einrichtungen. Am 22.10.1962 war die Grundsteinlegung in Anwesenheit des Hessischen Ministerpräsidenten Dr. Georg August Zinn. Am Markustag 25. April 1964, wurde das Bürgerhaus eingeweiht und seiner Bestimmung übergeben. Die gesamte Straßenbeleuchtung wurde danach im selben Jahr modernisiert. Ein neuer Wasserbehälter wurde mit einem Fassungsvermögen von 500 cbm gebaut und 1971 in Betrieb genommen. In den Jahren 1948 - 50 wurde auch die zweite Feldbereinigung durchgeführt und das erste Bauland erschlossen. Weitere Baulanderschließungen erfolgten ab 1966, so dass in Villingen bis zum Jahr 1976 ungefähr 200 neue Wohnhäuser gebaut werden konnten. Viele Feldwege und Waldwege wurden fest ausgebaut und teilweise geteert.

1983 wurde ein zusätzliches Fußballfeld dem Sportbetrieb übergeben. Im Zuge der einfachen Stadterneuerung wurde u.a. der Lindenplatz neu gestaltet. Im Jahr 2007 fand die Einweihung statt. Er ist nun wieder Mittelpunkt des Dorfgeschehens, es werden wieder kleinere Veranstaltungen dort abgehalten, wie z. Bsp. „Zwiwwelfest“ „Traktortreffen“ usw. Das Feuerwehrgerätehaus musste neu gestaltet werden, es entsprach nicht mehr den „Brandtechnischen Anforderungen“ die Einweihung mit Schlüsselübergabe wird 2010 stattfinden. Im Mai 2010 wurde ein neuer Radweg eingeweiht, dieser führt auf der ehemaligen Bahnstrecke Hungen – Laubach - Mücke vorerst nur bis zur Gemarkungsgrenze von Villingen nach Ruppertsburg, die Stadt Laubach hat dieses Projekt aus Kostengründen leider bisher[43] nicht aufgenommen.

Die früher überwiegend landwirtschaftliche Tätigkeit der Bewohner hat sich heute mittlerweile auf zwei Vollerwerbsbetriebe reduziert, aber zwei Familien betreiben noch eine recht große Schäferei.

An handwerklichen Betrieben sind in Villingen zwei Schreinerbetriebe, eine Bäckerei, eine Metzgerei sowie eine Autoreparaturwerkstatt mit Tankstelle. Außerdem sind in den letzten Jahren zwei mechanische Werkstätten neu gegründet worden. Leider wurden auch in der letzten Zeit die Poststelle und der einzige Lebensmittelladen, sehr zum Nachteil älterer Mitbürger, geschlossen. Die meisten Frauen und Männer aber sind in Berufen außerhalb des Dorfes beschäftigt, so dass ein erfreulicher Wohlstand herrscht, der auch letztlich der Gesamtheit der Gemeinde zum Nutzen ist.

Die Verwaltungs- und Gebietsreform hat auch vor Villingen nicht halt gemacht. Seit dem 1. Januar 1977 wurde nach dem Gesetz die selbständige Verwaltung aufgeben und Villingen ist jetzt „Hungen - Stadtteil Villingen“. Trotzdem haben die Villingener Bürger ihre stark ausgeprägte Eigenständigkeit bewahrt. Trotz allem Ungemach der Zeitabläufe entwickelt sich die ehemals kleine Gemeinde zu einem modernen und wohlhabenden Dorf, das z. Zt. ca. 1500 Einwohner hat. Leider hatte man in der letzten Zeit versäumt, die Ausweisung von Bauplätzen zügiger voran zutreiben. Erst im Jahre 2003 wurden an der Hungener Straße 15 neue Bauplätze erschlossen.

Die Schule von Villingen

Der Chronist von Villingen macht hierüber nur spärliche Angaben. Er schreibt: 1589 haben die vier Gemeinden, Villingen, Nonnenroth, Nieder Bessingen und Röthges eine Schule hierher gebaut. Der erste Schulmeister war Johannes Ruppel, der auch gleichzeitig Mehlwieger war. Weiter wird berichtet von 1747 und 1748: Da ist das Schulhaus neu gebaut worden, unter vielen Streit und Widerwärtigkeiten. Bis 1855 war die Schule im Dorf einklassig. Wegen der großen Schülerzahl wurde 1855 eine zweite Klasse eingerichtet. Die Schülerzahl betrug zum Beispiel 1858 in der 1. Klasse 87 Schüler und in der 2. Klasse 99 Schüler. Für diese zweite Schule (Klasse) wurde das Rathaus umgebaut und in der oberen Etage eine Stube für den Lehrer und in der unteren eine Schulstube hergerichtet. Im Jahre 1856 wurde die Industrieschule in Villingen, zur Erlernung weiblicher Handarbeiten für die besuchenden Mädchen, errichtet. Man wollte damit den minderbegüterten Einwohnern Arbeitsgelegenheit und Verdienste verschaffen.

Aufgrund einer Verfügung des Großherzoglichen Ministeriums vom 13. Juli 1885 wurden im Kreis Giessen (so auch in Villingen) allerorts Fortbildungsschulen eingerichtet. Diese Schule war für die Schüler über 14 Jahren, als eine Art Berufsschule gedacht und der Unterricht bestand aus wöchentlich 6 Stunden (Mittwoch und Samstag je 3 Stunden). Das heutige Schulgebäude in der Königstraße, wurde am 2. Oktober 1892 eingeweiht. Eine dritte Schulklasse wurde ab 30 April 1908 eingerichtet.

In den letzten Kriegsjahren 1944/1945 begann die Evakuierung der Großstädte und es kamen 1946/47 die ersten Flüchtlinge.

Nach Kriegsende waren in der Schule für kurze Zeit ehem. polnische und französische Kriegsgefangene untergebracht.

Die Schule hatte nun vier Klassen und man musste aus Platzmangel auf das Pfarrsälchen ausweichen.

In den 60ger Jahren leiteten Reformen der Hessischen Landesregierung wesentliche Entwicklungen ein. Auch für Villingen hatte diese Entwicklung Konsequenzen. 1966 fällt die Entscheidung, dass die Klassen 5 - 9 nach Hungen in die Mittelpunktschule fahren müssen. Heute ist die Schule in Villingen eine reine Grundschule. 1964 wurde beschlossen, dass die Grundschule von Nonnenroth der Grundschule von Villingen zugeordnet werden soll, die ab 2009 Willi Ziegler - Schule heißt, benannt nach dem früheren Villingener Kind, einem bedeutenden Paläontologen und Geologen, der u. a. Direktor des Senckenberg –Museums und -Instituts war, und der sich besondere Verdienste um den Erhalt der Grube Messel und die Chronodonten -Forschung erwarb.

Text: Heimatkundlicher Arbeitskreis Villingen

Heinz P. Probst

Wilhelm Konrad

Otto Rühl

V - 2010

 


[1] de Wilden, 1343 Wyss, UB Deutscher Orden 2, Nr. 745.

[2] UB Arnsburg Nr. 803.

[3] = meinem Besitz entnommen und bestimmt habe (?).

[4] Löffler, Herren von Falkenstein Bd. 2 Nr1125 (hlgl Lagis hist. Ortslexikon –Besitz).

[5] Im Gerichtsbuch des Obergerichtes von Villingen taucht der Name Villingen schon am 29. Mai 1605 auf (Blatt 8, Zeile 14), siehe hierzu Villingener Hefte Nr. 18 / II.

[6] Er war mit der Tochter des Grafen Solms-Braunfels verheiratet.

[7] Ohne Quellenangabe.

[8] Albrecht Eckardt in: Die Oberhessischen Klöster Dritter Band 1. Hälfte Regesten, 2. Hälfte Texte und Indizes, Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen IX, Marburg, 1977/88. Urkunde ist abgedruckt in 1. Hälfte Seite 692.

[9]Vaderenrode genannt.

[10]Werberch genannt.

[11]Eppilinrode genannt.

[12] eine Wüstung bei Schellnhausen VB Kreis.

[13]Ufleden.

[14]Villicus.

[15] mit Mengot Knibo könnte ein Ritter (Wäppner/Armiger) von Queckborn genannt sein, er ist in anderen Urkunde Nr. 917 u.a. in den Jahren 1277, 1288, 1298 als Bruder des Arnold von Queckborn genannt. Auch Giso, von dem in Urkunden offenbar stets nur der Vorname erscheint, wird daher als Wäppner von Queckborn angenommen werden können, siehe Albrecht Eckardt Dritter Band 2. Hälfte, Texte und Indizes S. 181.

[16] Offensichtlich griff auch er hier auf die schon erwähnte Chronica 1606 zurück.

[17] Möglicherweise wurde Hirschrod von Gersrod abgeleitet, wir hatten dies am Bsp. Hortsberg – Hirtsberg – Hirschberg - Harzberg in Villingen schon einmal dargestellt.

[18] Kunter, Wetterau (1992) 51; Wagner, Wüstungen (1854/65) S. 172 er vermutet Gersrode in der Nähe von K1einfelda, Bez. Alsfeld.

[19] So1ms-Laubach, Laubach (1882). Die Herrschaft Laubach ist ehemals Hersfelder Lehen in der Hand der Münzenberger, dieses ging dann 1255 an Hanau, 1355 an Falkenstein: siehe dazu: Kropat, Reich (...) (1865) 137.

[20] Rep. Solms Reg. Nr. 996. Fundautopsie Heimatmuseum Laubach, Begehungen Dr. K. Kunter und eigene Begehungen des Verfassers, B K A L II.

[21] Müller, Gießen 18; 101; 106. Begehung 1993 / geringe Menge karolingischer Scherben.

[22] Kunter, Wetterau (1992) 51, Nr. 13,1, Fundautopsie Begehungen Dr. K. Kunter. Die Funde dieser Begehungen lagern im I A L Büdingen. Das benachbarte +Winden (Kunter, Wetterau (1992) 51) erbrachte dagegen keine sicher ansprechbaren frühmitte1a1terlichen Funde.

[23] Mü11er, Gießen 18; 101; 106. Begehung 1993. Geringe Menge karolingischer Scherben.

[24]Kari Kunter in: Zwischen Wetterau und Vogelsberg a.a.O. S. 50.

[25] historische Ortslexikon Kreis Gießen (hlgl online)

[26] Siehe H. P. Probst: „Die Kirche von Villingen“, HAK Villingen 2005, S. 19f.

[27] Vieler dieser frühen Berichte sind nach heutigem Erkenntnisstand eher als „sagenhaft“ oder „fabelhaft“ einzustufen

[28] Nach den Forschungen von Dr. Dieter Wolf (Butzbach) bestehen Dorfbefestigungen seit dem Mittelalter, die im 17. Jh. erbauten Pforten müssen ggf. ältere Vorgänger gehabt haben, die baufällig geworden waren. Es ist auch anzunehmen, dass das Wüstfallen kleiner Siedlungen mit bedingt war durch ihre Wehrlosigkeit in Zeiten allgemeinen „Faustrechts“. Die Sicherung der Dorfbefestigung ist von Anfang an ein Hauptthema in den Verhandlungen des Villingener Gerichts.

[29] Angaben nach der Chronica 1606 (Übertragung von Friedrich Prokosch), nach dem Gerichtsbuch und dem Änderungsbuch: 1634 - 1643

[30] Siehe dazu die Villingener Hefte Nr. 6.1 und 6.2.

[31] Siehe Text weiter oben zu: Befestigungspflicht und Pforten.

[32] Der HAK hat im Jahr 2010 die transkribierten Gerichtsbücher von 1603-1800 mit den Protokollen der Sitzungen herausgebracht.

[33] Auch das geht aus den transkribierten Gerichtsbüchern hervor, die der HAK herausgebracht hat, siehe hierzu vorige FN.

[34] Hierbei handelt es sich um ein Fragment der herrschaftlichen Rügeordnung als juristische Richtlinie, siehe hierzu Gerichtsbuch Konv. 2 S. 7.

[35] Dieser Auszug ist aus: Gerichtsbuch des Obergerichtes Villingen Konvolut 2 - I. Teil, Seiten 1-183R

beginnend im Jahr 1603 und endend im Jahr 1673 Seite 1R / die Gerichtsbücher hat der HAK Villingen 2009 transkribiert herausgebracht, hier ist der Auszug von Seite 9.

[36] = und.

[37] = nach.

[38] Ermelter= erwähnter.

[39] In diesem Jahr fiel der 25.04. auf einen Sonntag.

[40] Hierüber berichtet ausführlich das Sonderheft des HAK Villingen: „Die Villingener und ihr Wasser“.

[41] Hierzu ausführlicher Villingener Hefte Nr. 27 u.a..

[42] Siehe hierzu das Buch des HAK: „Kriegstote aus Villingen mahnen zum Frieden“.

[43] Stand Mai 2010.

Kontakt

Evangelisches Pfarramt Villingen und Nonnenroth
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35410 Hungen-Villingen
fon: 06402-7109
mobil: 0170-1203772
fax: 03212-7109677
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Gemeindebüro der ev. Kirche
Villingen und Nonnenroth:

Am Bornweg 9
35410 Hungen-Villingen
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Redaktioneller Kontakt:
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Finkenweg 3
35410 Hungen-Villingen
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